Benjamin Wolba

Ich bin Benjamin und habe im Oktober 2019 meinen eigenen Verlag gegründet.

Je nachdem, wem ich von diesem Projekt erzähle, fallen die Reaktionen gemischt aus, von „Wow, wie gründet man den einen Verlag?“, bis hin zu „Ach, noch einer dieser Kleinverlage?!“. Wenn ihr weiterlest erfahrt ihr was mich dazu gebracht hat.

Gestartet bin ich selbst ursprünglich als Autor, habe nach dem Abitur 2015 mein erstes Buch Bildung im Wandel geschrieben, über Bildung und Schule aus Sicht eines Schülers, und das Buch 2016 über Book on Demand Norderstedt veröffentlicht.

Für mein zweites Buch Frühstudium sammelte ich meine Erfahrungen aus drei Jahren als Frühstudent in Physik an der TU Dresden und wurde dabei von der Deutsche Telekom Stiftung unterstützt: Diese führte 2018 eine deutschlandweite Befragung zum Frühstudium durch und die Daten konnte ich für mein Buch nutzen.

Wie schon bei meinem ersten Buch sprang keiner der großen,“etablierten“ Verlag auf das Projekt an – als unbekannter Autor hat man da auch kaum Chancen reinzukommen – und gleichzeitig wollte ich als Autor auch alle Rechte an dem Buch behalten und die Inhalte frei weiterverwenden können. Und last but not least stehen die Resultate der Befragung frei zugänglich auf der Webseite der Deutsche Telekom Stiftung, weshalb es mir auch persönlich wichtig war das E-Book als Creative Commons zu veröffentlichen.

So entstand die Idee meinen eigenen Verlag zu gründen: Visual Ink Publishing (kurz: V.I.P.)

Ich meldete also im Oktober 2019 den Verlag als Gewerbe an, ließ mein Buch „Frühstudium“ bei der Druckerei Holler in Karlsruhe Durlach drucken und übernahm selbst Vertrieb und Marketing. Gerade in akademischen Kreis stieß mein Buch auf etwas Interesse und ich verkaufte im Winter 2019/2020 ganz stolz meine ersten paar Dutzend Exemplare – bis dann im Frühjahr 2020 die Covid-19 Pandemie ausbrach. Und für die nächsten Monate passierte einfach nichts. Keine Bestellungen. Keine Einladungen für Vorträge. Einfach nichts. Alle hatten plötzlich andere Sorgen als das Thema Hochbegabtenförderung.

Das sollte sich schlagartig ändern, als ich über Twitter Tim Kantereit, einen sehr engagierten Lehrer aus Bremen, kennenlernen durfte.

Tim hatte schon während der ersten Corona Welle am Wir für Schule Hackathon teilgenommen und parallel dazu einen Book Sprint zum Thema „Hybrid-Unterricht“ auf Social Media organisiert – und war nun Ende Juni 2020 auf der Suche nach einem Verlag, welcher das Buch Open Source verlegen würde. Ich war von dem Projekt super begeistert und freute mich riesig in den nachfolgenden Monaten zusammen mit Tim das erste Buch über Hybrid-Unterricht in Deutschland zu verlegen.

So entwickelte sich V.I.P. von einem reinen Selbstverlag zu einem „richtigen“ Kleinverlag und wir haben uns auf die Fahne geschrieben auch zukünftige alle Bücher Open Source unter einer Creative Commons CC-BY-SA Lizenz zu verlegen.

Open Source vs. Verlagswesen?

Der eine oder die andere mag sich nun fragen: Open Source und Verlagswesen, wie passt das eigentlich zusammen? Verlage verdienen doch eigentlich gerade ihr Geld damit, dass sie sich die Rechte an Büchern sichern und sie dann unter einem strikten Copyright verkaufen. Und aus der Debatte um Urheberrecht und Uploadfilter wissen wir, dass große Verlage auch sicherlich nicht auf diese Einnahmequelle verzichten wollen.

V.I.P. ist ein Open Source Verlag, weil wir die Vision teilen, dass alle Menschen auf der Welt freien Zugang zu Wissen haben sollten und wir Bildungsinitiativen mit unserem Open Source-Ansatz eine Plattform geben wollen, um möglichst viele Menschen zu erreichen und damit maximalen Impact zu haben. Und es ist für mich unglaublich schön mit Visual Ink Publishing etwas zu tun, was tausende Menschen interessiert und z.B. tausenden Lehrer:innen hilft, ihren Unterricht etwas digitaler, agiler und auf die aktuellen Anforderung einzustellen.

Früher haben Verlage Wissen durch den Druck von Büchern zugänglich gemacht und da der Druck von Büchern etwas kostet, wurden die Bücher selbstverständlich verkauft. Mittlerweile haben wir durch das Internet aber die Möglichkeit Inhalte mit allen Menschen auf der Welt zu teilen, weshalb die reine Verbreitung von Wissen praktisch kein Geld mehr kostet. Aber natürlich steht eine Menge Aufwand dahinter ein Buch zu schreiben und zu verlegen, weshalb auch E-Books verkauft werden.

Das ist aus unserer Sicht auch vollkommen okay, wenn es z.B. um Unterhaltungsliteratur geht. Aber gerade beim Thema Bildung sehen wir Paywalls und Copyright als Barrieren für freien Zugang zu Wissen und damit Chancengleichheit für Menschen weltweit. Bildung ist ein so wichtiges Thema, dass wir ein anderes Konzept brauchen wie wir Autoren gerecht entlohnen und die Produktionskosten von Büchern abdecken und gleichzeitig allen Menschen freien Zugang zu Bildung verschaffen. Und das Konzept heißt Vertrauen.

Pay What Feels Right – Oder auch nicht

Frederic Laloux hat in seinem Buch Reinventing Organizations Prinzipien beschrieben, nach denen „next-level“ Organisationen in Zukunft funktionieren werden: Die vor allem einen Zweck (engl. „Purpose“) verfolgen, der über das Erwirtschaften von Gewinnen hinausgeht. Die Mitarbeiter als Menschen und nicht als Maschinen behandeln („Wholeness“). Die auf dem Konzept „Vertrauen“ aufbauen („Trust and Believe“ statt „Command and Control“). Und genau in diesem Spirit steht sein Buch online unter dem Motto „Pay What Feels Right“ – jeder kann bezahlen was er oder sie möchte. Wer nichts zahlen kann, kann das Buch trotzdem lesen. Wer aber die Arbeit des Autors honorieren möchte kann zahlen wie viel das Buch einem wert ist.

„Pay What Feels Right“ ist in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern leider nicht ohne weiteres möglich, da neu erschienene Bücher der Buchpreisbindung unterliegen. D.h. sie müssen für Endkunden überall zu demselben Preis angeboten werden. Das soll Wettbewerb zwischen Buchhändlern verhindern, damit ein breites Angebot an Büchern verlegt wird – und nicht nur die wenigen, kommerziell sehr erfolgreichen Titel. Ob das tatsächlich gelingt ist umstritten. Auf jeden Fall klappt damit in Deutschland kein „Pay What Feels Right“, solange die Buchpreisbindung nicht aufgehoben wurde – und das geht (in Deutschland) nach frühestens 18 Monaten nach Veröffentlichung.

Wir verlegen unsere Bücher daher in zwei Modi:

Einerseits verlegen wir Bücher wie Hybrid-Unterricht 101, welche ehrenamtlich in Book Sprints entstanden sind und als kostenlose E-Books auf unserer Verlagswebseite stehen. Weder Herausgeber:innen noch Autor:innen werden dafür bezahlt und die Print-Version wird durch uns zum Selbstkostenpreis gedruckt und verkauft.

Andererseits verlegen wir einzelne Autoren und Autorinnen, analog dazu, wie ich mein Buch Frühstudium verlegt habe. Dabei werden Print und E-Book für 18 Monate ganz normal verkauft, was uns hilft unsere Verlagskosten abzudecken und den Autor:innen eine branchenübliche Marge auszuzahlen. Anschließend werden wir die Buchpreisbindung aufheben und das E-Book im „Pay What Feels Right“ Modus anbieten.

Wenn ihr einen Book Sprint organisiert habt / organisieren wollt oder selbst schon ein Buch im Bereich Bildung geschrieben habt und es Open Source verlegen lassen wollt – schreibt uns gerne eine Mail an mail@visual-books.com.

Und auch über den reinen Verlag von Büchern hinaus engagieren wir uns für freie Bildung und Veränderung im Bildungswesen. Z.B. organisieren ich und Tim jeden vierten Dienstag im Monat ein Online-Event zur Zukunft der Bildung: den BildungsRun.DE. Schaut gerne mal vorbei!

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